
Der junge Karl Rossmann wird von seinen mittellosen Eltern nach Amerika geschickt, weil ihn ein Dienstmädchen verführte und ein Kind von ihm bekam. Seine Hoffnung, in der Neuen Welt sein Glück zu machen, wird zunehmend enttäuscht. Bei seinem amerikanischen Onkel, dem reichen Senator Jakob, fällt er in Ungnade, von Landstreichern wird er beraubt, als Liftboy im Hotel Occidental entlassen. Schließlich landet er als Diener bei der Sängerin Brunelda und wird beim Naturtheater von Oklahoma, dem größten Theater der Welt, nicht als Schauspieler, aber als Techniker unter dem falschen Namen Negro engagiert.
Kafka entwirft in seinem auch als Der Verschollene (1914) bekannten Romanfragment eine frühe Version von einer globalisierten Welt und kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. Er erzählt von Karl Rossmanns sozialem Absturz im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Obwohl der Roman Momente von chaplinesker Komik hat, ist Karl Rossmann ein typischer Held Kafkas, naiv und gerechtigkeitsliebend, der schuldlos scheitert, der das Leben und das, was ihm zustößt, nicht begreift, weil es einfach nicht zu begreifen ist.
Der prominente argentinische Theatermacher Alejandro Tantanian, der bei den 14. Internationalen Schillertagen 2007 mit seiner erfolgreichen Produktion La Libertad in Mannheim gastierte, wird zum ersten Mal in Deutschland inszenieren.
Hier können Sie im Blog des Regisseurs über die Produktion lesen und auch Kommentare abgeben: http://franzkafkaamerika.blogspot.com/
"(…) Was tastend beginnt, nimmt plötzlich Fahrt auf. Einer der sieben Darsteller schmettert einen argentinischen Schlager, später gibt´s Broadway-Songs, augenzwinkernde Chorusline-Aufmärsche, dazu Texteinblendungen auf einer Lichtwand im Hintergrund. Kafkas düsterer Verschollenen-Text aber gerät so zur munteren Groteske, von Revue-Anmutung umweht und in Comicstrip-Manier herausgeschnipst. (…) Am Ende, wenn sich einer der Akteure mit einem Kafka-Tagebuchzitat auf den Lippen verschreckt in die Ecke eines viel zu großen Sessels drückt, beginnt der Zuschauer zu ahnen, dass dieser eigenartige Bilderbogen dem Geist des Romans möglicherweise näher kommt als manche aufwändige Verfilmung."
Allgemeine Zeitung Mainz
"(…) Für seine Schauspieler und auch für sich selbst hat Alejandro Tantanian einen ganz persönlichen Zugang zu Kafkas Amerika gesucht. Statt Theaterbildern für einen Prosatext bietet er uns Stimmungen, Gefühle, Erinnerungen, die etwas von dem transportieren, was auch Kafkas Held, der 16-jährige Karl Rossmann, auf seiner seltsamen Reise vom alten Europa in dieNeue Welt erlebt hat. Kafkas Text ist nur Ausgangspunkt für ein Theaterabenteuer, das tief eintaucht in eine märchenhaft-dunkle Vergangenheit, eine Robert-Wilson-Welt voller skurriler Gefahren und merkwürdiger Begegnungen. (…)"
Die Rheinpfalz
"(...) Was den Abend so sehenswert macht, ist die Art, wie hier Kafka ganz ohne Kafkaeske auskommt. Mit großer Lust am Formspiel komponiert Alejandro Tantanian Tableaus und Stimmungen, Melodien wie aus einem Fernsehmelodrama und schwarzweiße Ausschnitte eines Revuefilms ebenso wie surreale Auftritte und wundersame Scherenschnitt-Prospekte. Wie gerahmte Genrebilder in filmischer Folge fahren die von Oria Puppo gestalteten Spielkisten auf die Bühne, in denen die Handlung als Miniatur verknappt ist. Aus dieser malerischen Enge bricht das Spiel immer wieder aus in Choreografien oder musikalischen Zwischenspielen, bei denen das Ensemble seine Vielseitigkeit zeigen kann. (...)" Darmstädter Echo