
Vitellia glaubt die Einzige zu sein, die Anspruch auf die Hand des amtierenden Kaisers hat. Sie ist empört darüber, dass Titus plant, die ausländische Prinzessin Bérénice an ihrer statt zu heiraten und stachelt den ihr in bedingungsloser Liebe ergebenen Sesto – den engsten Vertrauten des Kaisers – dazu an, ein Attentat auf Titus zu begehen. Doch dieser überlebt und sieht sich nicht nur politisch, sondern vor allem als Freund verraten. Dennoch verzeiht er in einem beispiellosen Akt der Gnade allen seinen Feinden.
Als Mozart 1791 den Auftrag der böhmischen Stände erhielt, eine Krönungsoper für Kaiser Leopold auf ein fast 60 Jahre altes, bereits vielfach vertontes Libretto Metastasios zu schreiben, hatte er sich von der metastasianischen Tradition des Fürstenspiegels bereits weit entfernt: Statt der mahnenden Bekehrung eines hartherzigen Herrschers zum mildtätigen Staatsmann zeigt sich in La clemenza di Tito ein überraschender Umgang mit der Macht: Die Mildtätigkeit des Kaisers ist allgegenwärtig – vergessen scheint die von Seneca propagierte staatsphilosophische Überzeugung, man dürfe Milde weder unterschiedslos und allgemein gewähren, noch gänzlich entziehen, denn allen zu verzeihen sei so grausam wie keinem. In der Handhabe der Macht zur Vergebung stellt sich also die Frage nach der Motivation des Kaisers: Handelt es sich bei der Mildtätigkeit um eine rein „menschliche“ Moral des Herzens oder um einen Akt im politischen Raum, der von handfesten Interessen bestimmt ist?
Eine erfrischende Entrümpelung. (…) Eine auf das Wesentliche reduzierte Sicht des Dramas, die politische Macht und emotionale Ohnmacht gleichermaßen reduziert auf ein Konzentrat (…)“
„Lange, sehr stille Pausen zwischen den Worten, die leise, fast röchelnde Stimme: das sind stark retardierende Momente von enormer theatralischer Wirkung. Da gefriert die Zeit und lässt einen auch im Sommer frösteln. Dieser Titus ist beides: Existentialist und verzweifelt Liebender am Rande des emotionalen Abgrunds. Stoisch sitzt er auf der Bühnenkante: „Treue aus Furcht gilt mir nichts“, sagt er finster. Der pompöse Jubel am Ende der Oper berührt ihn nicht. Der Herrscher mit dem weichen Herzen will nur „alles wissen…, alles vergessen.“ Eine großartige Innenschau dieser Figur."
"Barna-Sabadus’ Stimme und Darstellung geben dem Revolutionär aus Liebesnot eine sehr jugendliche Seite. Seine Koloraturen sind makellos, die Höhe ist sicher, tonschön und flexibel."
„Marie-Belle Sandis ist eine resolute Vitellia, die gerne mal einen Schluck nimmt und ihren jungen Lover um die Finger wickelt. (…) Unter ihr glüht die Erde. Ihr Zorn und ihre Verachtung sind grenzenlos, ihre Koloraturen messerscharf. Katharina Göres (Servilia), der ausgezeichnete lyrische Altus Yuriy Mynenko aus der Ukraine (Annio) und Frank van Hove als Publio runden das Ensemble ab, das ein beeindruckendes Ganzes bildet.“ Rhein-Neckar-Zeitung, 20. Juli 2010
„Es ist fast beängstigend, wie Günter Krämer dies in Szene setzt (mindestens so beängstigend ist freilich, dass Krämer alles, was er anfasst, gelingt!) Die Entwicklung des psychisch Kranken, der schon zu Beginn von Akt II an der linken Bühnenrampe düster vor sich hingrübelt, wird an diesem Abend fast physisch erlebbar. Wie überhaupt sich die Figuren in dem psychologischen Kammerspiel alle ständig weiterentwickeln. Lothar Odinius ist dieser Titus, und er zeigt den Kaiser nicht nur in dieser seelischen Verletztheit, in einem Liebesgefühl, das ihn quasi wissend macht und unfähig zu töten. Er lässt ihn auch in ungeheuer vielen Tenor-Facetten so klingen. Zart. Schmelzend. Grübelnd. Selten war eine Mozart-Partie so vielschichtig und lebendig.“
„Alles ist von Herbert Schäfer und Falk Bauer höchst ästhetisch in Schwarz, Weiß und Rot gehalten. Hier, in diesem fast keimfreien, aber schönen psychologischen Raum, kann sich die Tragödie von Titus ereignen. Den Rest dieses exzellenten Abends besorgt Krämers perfekte Personenregie. Und die macht aus jeder Figur ein eigenes Drama. Da ist sie. Vitellia, die an die Macht will und über Leichen geht. Marie-Belle Sandis spielt sie fast diabolisch, mit ihrer ausdrucksvollen Mimik entwickelt sie sich mehr und mehr zum machtgeilen Vamp (…) Besonders in der tiefen und mittleren Lage singt Sandis zum niederknien schön und kultiviert“
„Was sehr selten gemacht wird, wollte Krämer unbedingt tun: die Partien Sextus und Annius mit Männern besetzen. Der Plan geht voll auf. Valer Barna-Sabadus und Yuriy Mynenko sind ein Dream-Team. Der eine, Barna-Sabadus, verleiht dem Sextus (…) eine quirlige, überaus vielfarbige Virtuosität.(…) Der andere, Mynenko, hat als Annius eine unauffäligere Partie und spielt sie auch so, offenbart dort aber mit strahlenden Glockentönen eine Stimme, die in Präsenz, Beseeltheit und Phrasierung fasziniert. (…)“ Auch Katharina Göres ist auf dem besten Weg. Ihre Servilia ist überaus beweglich und ausgewogen. Und dass Frank van Hoves Publius keine Wünsche offenlassen würde – eine Gewissheit.
„Wild, bisweilen ungeschliffen und in den Tempi mit einer Neigung zur Trägheit klingt, was da bestens koordiniert aus dem Graben des Rokokotheaters herauskommt. Ettinger gibt den Details Expressivität, er dehnt, was er für wichtig hält, und fast könnte man meinen, in Schwetzingen würde eine Art neue Mozart-Schule geboren“. Mannheimer Morgen, 20. Juli 2010
Zwei grandiose Countertenöre, eine hinreißende Vitellia und der überragende Mozarttenor Lothar Odinius in der Titelrolle machen mit der fein ausziselierten Regie Günter Krämers die Reise nach Schwetzingen (...) zu einem Muss für Mozartfreunde. Badische Zeitung, 20. Juli 2010
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