Oper

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Vor

Mit

Der Mann I
Der Mann II
Der Türhüter
Salvatore Sciarrino

La porta della legge (Quasi un monologo circolare)

Das Tor zum Gesetz (Gleichsam ein kreisender Monolog)
Mannheimer Premiere der Uraufführung der Wuppertaler Bühnen
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Video
Dramaturgie
Premiere
18. Juli 2009

„Ora no“ / „jetzt nicht“ – mit diesem Satz verwehrt der Türhüter dem Mann vom Lande den Eintritt in das Gesetz, obgleich dessen Tür immer offen steht. Der Mann lässt sich von der bürokratischen und drohenden Überheblichkeit des Wächters einschüchtern und verbringt – wartend auf Erlaubnis – Jahre vor der Tür. Er versucht, den Wächter zu bestechen, er bittet sogar die Flöhe in dessen Pelzkragen um Hilfe. Als er immer schwächer wird und den Türhüter schließlich fragt, warum in all den Jahren niemand außer ihm Einlass begehrt habe, erfährt er sterbend, dass die Tür nur für ihn bestimmt war.
Franz Kafkas Parabel Vor dem Gesetz aus seinem Roman Der Prozeß hat Salvatore Sciarrino zu einem Musiktheater inspiriert, das die Verzagtheit des Mannes und seine fortschreitende Erstarrung kompositorisch verschränkt mit der Personifikation der Bürokratie im Türhüter: Er repräsentiert Gesetz und Verbot als Verhinderung selbstbestimmten Handelns. Die Geschichte wird mit Variationen zweimal durchgespielt, in einem kurzen Finale, das abrupt abbricht, ahnen wir, dass sie sich endlos wiederholen wird.
Verzweifelt über die Aussichtslosigkeit, mit der sein Heimatland unter Berlusconi dem kulturellen Untergang entgegentreibt, hat Salvatore Sciarrino ein formal auswegloses Musiktheater geschrieben, das uns dennoch mit seinen unerhörten und subtilen Klängen das Hören wieder neu lehrt.

Die Pressestimmen zur Uraufführungsinszenierung, die nun in Mannheim zu sehen ist, waren einhellig positiv. Die Zeitschrift Oper&Tanz sprach von einer „packenden Inszenierung“ und einem „beeindruckenden Zusammenspiel von Ausstattung, Film und Licht“, die neue Musikzeitung von einem „außerordentlichen Theatervergnügen“ und die FAZ lobte:
„Die Sänger Ekkehard Abele, Gerson Sales (Mann I und II) und Michael Tews (Türhüter) bringen die vokalen Grenzwerte unerhört plastisch zum Sprechen. Begeisterte Publikumszustimmung. Völlig zu Recht.“

 

Pressestimmen

Die Mannheimer Premiere von Salvatore Sciarrinos Kafka-Musiktheater "La porta della legge" (Das Tor zum Gesetz) steht auf dem Programm, und wer Sciarrinos Tonsprache schon einmal gehört hat, weiß, dass hier eine klangliche Gegenwelt, eine Art stille Opposition zu unserer Welt dort draußen in den Städten und Dörfern entsteht, die bisweilen nur schwer erträglich ist - freilich im positiven Sinne, trotzt sie uns doch allerhöchste Konzentration bei größtmöglichem Stillhalten ab, einen Zustand kontemplativer Kunststarre. (…)
Weil Sciarrino dem berlusconisierten Italien vorwirft, es hätte sich den Atem stehlen lassen, röchelt es aus der Partitur mehr, als es atmet, wie sonst bei Sciarrino. Natürlich sind da alte Bekannte in der Tonproduktion: das Wehen von Obertönen, das Grummeln des Donnerblechs ziemlich genau die Hälfte des gesamten Werkes lang, die punktuellen aggressiven Attacken von Blechbläsern, die meist das "Ora no", also das "jetzt nicht", des Torhüters markieren, mit dem dieser den Mann, der "Eintritt ins Gesetz" verlangt, immer wieder aufs Neue abweist.
Die Handlung strickt sich denkbar einfach fort: Erst am Ende, wenn der Mann stirbt, erfährt er, dass die über knapp 70 Minuten geöffnete Tür nur für ihn allein geschaffen war. Er hätte also sehr wohl in diesen unbekannten Raum gehen können, den Sciarrino mit einer wunderbar sphärischen Musik im Untergrund der Partitur beschreibt: ganz leise, wie im Himmel, mit - für Sciarrino - ungewöhnlichem Klangreichtum und betörender Obertonmelodik, die zuweilen an Folklore erinnert.
Der Abend hat freilich einen Regisseur. Der gebürtige Heidelberger Johannes Weigand hat einen fesselnden Faden für den "gleichsam kreisenden Monolog" (Untertitel) gefunden. In der ersten Szene (mit Mann I Ekkehard Abele) öffnet sich das Tor zum Gesetz nach hinten hin allmählich über die Distanz von rund 30 Minuten, in der zweiten (mit Mann II Gerson Sales) schließt sich der vordere Bühnenteil nach und nach in der gleichen Zeit. Das Theater findet zwischen diesen beiden "Bühnentoren" auf einem schmalen Bühnenstreifen von ein paar Metern Tiefe statt, die Personenführung geschieht parallel zur Musik mit großer Sparsamkeit, und erst in einem angedeuteten dritten Abschnitt öffnet sich der große Bühnenraum von Jürgen Lier, in dem - ein sensationeller optischer Paternoster-Effekt, der die Protagonisten scheinbar fliegen lässt - per Videokunst (Jakob Creutzburg) beide Männer mit dem Libretto-Text von vorn beginnen. Plötzlich reißt alles ab. Der großartige Abend ist zu Ende. (...)

Mannheimer Morgen

Es darf getrost von (großem) Glück im Unglück gesprochen werden. „La porta della legge“ erwies sich als
weit mehr als lediglich eine Notlösung. Vielmehr handelt es sich um ein eminent bedeutendes, fesselndes
Stück zeitgenössisches Musiktheater. (…)
Vorzüglich die musikalische Wiedergabe unter Tito Ceccherinis gezielter Stabführung; überzeugend Ekkehard
Abele als Mann I (erster Bittsteller) und Michael Tews (Türhüter); äußerst brillant der Countertenor
Gerson Sales (Mann II). Ein weiterer – großer – Glücksfall der Produktion ist Johannes Weigands Inszenierung: ein Regie-Virtuosenstreich erster Güte. Körpersprache und Mimik der Darsteller transportieren eindringlich die Bühnensituationen. Zudem strahlt die von Jürgen Lier entworfene szenische Landschaft starken optischen Reiz aus. Diese Bühnengestaltung ist sehr aussagekräftig – gerade mit dem sich im ersten Teil allmählich erweiternden und im zweiten sich schließenden Tor. Überwältigend wirkt das Schlussbild mit den beiden duettierenden Hauptfiguren und ihren videotechnisch vervielfältigten Doppelgängern in einem Pater Noster.

Die Rheinpfalz

(…) Tito Ceccherini dirigiert das Orchester des Nationaltheaters Mannheim präzise und mit Gespür für die genauso filigranen wie unverwechselbaren Klanggebilde Sciarrinos. Alles Druckvolle, Eruptive ist ihnen fremd, die Musik zu „La porta della legge“ entsteht hörbar aus dem Nichts – und verschwindet darin auch wieder. Derart auskomponierte und zugleich intensive Fragilität ist selten. (…)
Frankfurter Rundschau

 

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