
Auf abgründige Weise sind Macbeth und seine Lady, die ihn zum Königsmord treibt, miteinander verbunden: Impotenz und eine monströse Weiblichkeit gebären einen Machtwillen, der in Mord, politischem Terror und Wahnsinn endet. Übernatürliche Wesen und Geistererscheinungen kehren das Unbewusste nach außen: geheime Wünsche ebenso wie Angst und Schuldgefühle. Die Prophezeiungen der Hexen, Wahnbilder und Erscheinungen der Ermordeten markieren im Machtverlust über das eigene Selbst die Grenzen der Macht.
Verdis Adaption des Shakespearschen Dramas realisiert auf neuartige Weise eine musikdramatische Poetik des Fürchterlichen, die die Abgründe menschlicher Existenz vergegenwärtigt. Die Liebe – unverzichtbares Ingrediens jeder Opernhandlung – scheint hier völlig verschwunden hinter Strukturen von Abhängigkeit und Gewalt, die artifizielle Schönheit des Belcanto hinter einer wahrhaftigen, expressiven Deklamation. Er wolle eine Lady, die „hässlich“ und „teuflisch“ ist und die an den wichtigsten Stellen der Oper nicht singt, schrieb Verdi. Und einen Macbeth, der die musikalische von der szenischen Darstellung aus entwickelt. Für den Komponisten war seine 1847 uraufgeführte und 1864/65 grundlegend überarbeitete Oper ein wesentlicher Schritt auf dem Weg, sich von Konventionen der musikalischen Form, des Gesangs und der Besetzung zu befreien.
Galina Shesterneva gestaltete die Arie der Lady Macbeth überraschend in der Präsenz und Bedingungslosigkeit von Darstellung und Gesang. Ein furioser Dämon, der Blut geleckt hat an der Macht und insistierend ihren zunächst zögerlichen Gatten zum Äußersten treibt. Und gesanglich erfüllte sie die Partie bestechend in dem Registerausgleich, der sie von den satt glühenden Mezooregistern bis in die klangschön strahlenden Sopran-Höhen führte.
Jaco Venter war ein hochpräsent gestaltender Macbeth, der zwischen Wahn und Getriebenheit seinen mörderischen Weg durchzieht (...) Einen prächtig und volumenreich tönenden Bassbariton eröffnete Lang Li als Banco, nicht minder eindrucksvoll war der Macduff des Charles Reid, der bewegende Eindringlichkeit und Strahlkraft in seine Arie "O figlie miei" legte. (...) Mit leichter Hand führte Alexander Kalajdzic am Pult des klangvoll aufspielenden antionaltheater-Orchesters durch die beschwingte Partitur und gab daneben dem Dramatischen starke Inssistenz."
Rhein-Neckar-Zeitung
(…) Die Inszenierung zeigt den Schrecken, der aus den dunklen Weissagungen der Hexen entsteht, die im horizontalen Bühnenausschnitt im Hintergrund ihr bedrohliches Potenzial freisetzen. Das krude Grauen wird durch die blutverschmierte, in Zellophan verpackte Kindsleiche noch potenziert, der Blutrausch von Macbeth transformiert sich in sexuelle Obsession. Einmal mit dem Töten begonnen, ist kein Ende absehbar. Eine zeitlose Metapher für soviel an Unheil und Bösem, die unsere Welt immer wieder aus den Angeln der Humanität reißen.
Sandra Meurer hat für die sensible, gleichwohl mit harten Elementen agierende Regie-Zeichnung eine kühle Bühnenbild-Ästhetik bereitgestellt, die aus der Geometrie heraus und über eine hinreißende Lichtführung (Bernhard Häusermann) imaginative Räume schafft. (…)
Musikalisch hebt Premierendirigent Alexander Kalajdzic mit dem Nationaltheaterorchester und dem Nationaltheaterchor einen stringenten Verdi aus dem Graben: Gewaltsam bis zur Explosion und dennoch immer hervorragend ausbalanciert und austariert mit den Sänger-Darstellern. Tolles Blech, sensible Holzbläser, immerfort präsente Streicher stehen ihm dafür zu Verfügung. Und ein Chor (Tilman Michael), der inszenatorische Bewegungsabläufe mit musikalischen Anforderungen ausgezeichnet vereint. Jaco Venter jagt den Macbeth mit rau grundiertem Heldenbariton und er zeigt ihn als einen aus dem Innersten Getriebenen. Die banale Version, dass diese Figur von der Lady beherrscht wird, versagt sich die Regisseurin. Vielmehr tauchen beide als kongruente Muster auf, weil sie sich gegenseitig bedingen. Galina Shesterneva singt die Lady Macbeth aus strömender Dramatik heraus mit außerordentlicher Unbedingtheit; heftig im Mezzo und lodernd in den Höhen, dabei mit ihrem personalen Timbre auftrumpfend. Sie antizipiert die dunklen Leidenschaften ihres Macbeth, sie weissagt sie eher, als dass sie diese auslöst, denn Regula Gerber verschränkt in ihrer Inszenierung die Zeitebenen und die seelischen Befindlichkeiten der Protagonisten, wie wenn aus dem Chaos Kristallisationspunkte entstehen. Punkte der Aggression, wobei sexuelle und mörderische aus gleicher Grundstruktur erwachsen. Weitere Asse an diesem Abend sind Charles Reid mit heldisch-frischem Tenor als Macduff und der prächtig strahlende Bassbariton von Liang Li Banco. (…)
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