
Willkommen in der 231. Spielzeit des Nationaltheaters. Johann Christian Bach, der jüngste Sohn des großen Johann Sebastian, war mit drei Opernwerken einer der prägendsten Komponisten der Mannheimer Hofoper, die zu ihrer Zeit die europäische Opernavantgarde anführte. Mit seinem Amadis des Gaules wollen wir diese große Zeit der Mannheimer Schule wieder lebendig werden lassen.
Auch im 21. Jahrhundert will Mannheim Forum für zeitgenössisches Musiktheater sein, das unsere Hör- und Sehgewohnheiten herausfordert und verändert. Mit der Uraufführung von Bernhard Langs Montezuma – Fallender Adler können Sie erleben, dass die Gattung Oper nach wie vor voller Leben und Zukunft ist.
Und aus den drei Jahrhunderten, die zwischen Bach und Lang liegen, haben wir für Sie Meisterwerke ausgewählt, die das zentrale Thema der Oper seit je auf exemplarische Weise behandeln: Liebe. In immer neuen Facetten handeln diese Werke vom wilden und verliebten Kampf der Geschlechter. Die Liebe ist Glück und mehr noch Katastrophe. Ist es Angst vor Carmens Liebe, die Don José nach der Entlassung aus dem Gefängnis statt zu Carmen auf die Straße treibt? Wissen wir wirklich, was Carmen in Don José sieht? Wir erleben nur, wie sie im Kartenspiel dem Tod entgegensieht. Turandot verweigert die Liebe zu den Männern aus Rache für die Vergewaltigung ihrer Urahnin durch einen Tartaren und tötet die Freier, die ihre Rätsel nicht lösen können. Bis einer kommt, ein Tartarenprinz, der ihre Rätsel löst. Aber ist der Kampf damit zu Ende? Ist dieses Happy End glaubwürdig? Misstraute vielleicht Puccini dem im Libretto entworfenen Ende? Jedenfalls hat er die Komposition nicht beenden können. Auch in Amadis des Gaules sind es gar nicht so sehr äußere Umstände wie Familienehre oder Blutrache, an denen die Liebenden scheitern. Es sind vielmehr Angst, Misstrauen, unbewusster Verrat.
Montezuma – Fallender Adler handelt von der Zerstörung der atztekischen Kultur durch spanische Christen unter Cortez. War es die Liebe zu Cortez, die die Dolmetscherin Malintzin zur Verräterin an ihrem Volk werden ließ und so den Christen zum Sieg verhalf? Oder hielt sie Cortez wirklich für den Erlöser? Die Rolle der Liebe bleibt rätselhaft.
Die Liebe ist auch politisches Instrument. In Mozarts letzter Oper La clemenza di Tito nutzt Vitellia die Liebe von Sextus hemmungslos für ihren Aufstieg aus, sie verführt ihn, seinen Freund Titus zu beseitigen. Können wir uns seine Verzweiflung über die eigene Hörigkeit aus Liebe vorstellen, die seinen Willen und Verstand gefangen hält? Wer mehr liebt, ist der Schwächere. Nur die Milde des Titus verhindert die Katastrophe. Mit dieser Oper, der letzten Premiere der neuen Spielzeit, wird der Mannheimer Mozartsommer eröffnet.
Bei den beiden Erfolgsmusicals Hair und My Fair Lady ist die Liebe leichter – oder sie scheint leichter. Sie schmeckt bittersüß in Hair, weil Flower Power letztlich doch vor der Realität kapitulieren muss, und in der Lady, weil Higgins am Ende doch gegen Freddy verliert.
Ihr
Klaus-Peter Kehr
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