Boualem Sansal

frankophoner algerischer Schriftsteller, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und Festredner der 19. Internationalen Schillertage


Was bedeutet Freiheit für Sie persönlich?

Der berühmte Kalif Saladin, der nach langer Belagerung Jerusalem von den Christen zurückerobert hatte, bekam vom nicht minder berühmten Balduin IV, König von Jerusalem, der Aussätzige genannt, folgende Frage gestellt:Was bedeutet Euch Jerusalem, der Ihr keinen Aufwand und Kosten gescheut habt, um es zu erobern? Saladin lächelte und antwortete: Nichts! Nach einer langen Denkpause fügte er aber mit einem noch verschmitzteren Lächeln hinzu: Und alles!

Meine Antwort lautet: Freiheit bedeutet für mich nichts und alles.


Wann haben Sie sich zuletzt unfrei gefühlt?

Mich unfrei zu fühlen ist mein Dauerzustand. Die Augenblicke, in denen das Gefühl von Unfreiheit sich am stärksten bemerkbar macht, sind die, wenn man im Angesicht von Gewalt oder Ungerechtigkeit machtlos ist. Das letzte Mal erlebte ich es auf einem französischen Flughafen: Eine alte afrikanische Frau wurde von einem Grenzpolizisten beschimpft, weil sie zwei Tage länger in Frankreich geblieben war. Da ihr Visum abgelaufen war, würde er sie wegen unerlaubtem Aufenthalt festnehmen. Die Arme bekam nichts mit, sie lächelte, verstand nicht, weswegen sie beschuldigt wurde. Sie stand einem ganzen Staat gegenüber, der dabei war, sie zu erdrücken. Der junge Polizist verstand nicht mal das Leid, das er ihr zufügte. »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun«, sagte Jesus am Kreuz.


Wo hört für Sie die Freiheit auf? 

Freiheit hört nie auf oder es ist keine Freiheit mehr. Es ist an uns aufzuhören, wenn die Freiheit uns auf Ebenen führt, die zu hoch, zu groß oder zu stark für uns sind oder wenn sie uns auf Wege mitnimmt, die unsere Moral ablehnt. Freiheit kennt keine Moral, es obliegt unserer Erziehung, uns zu sagen, bis wohin wir der Freiheit folgen können.


Wer oder was bedroht Ihre Freiheit?

Unsere Freiheit wird von niemandem mehr bedroht als von uns selbst. Das kommt daher, dass wir selten auf der Höhe unseres Wunsches nach Freiheit sind. Freiheit ist eine Übertretung, sie setzt uns dem System aus, in dem wir leben. Es zu übertreten, gegen seine Regeln zu verstoßen, ist gefährlich. Ohne Mut kann man die eigene Freiheit nicht verteidigen, sie nicht ausleben.


Sind Sie so frei, wie sie gern sein möchten?

Ich besitze keinerlei Freiheit, da die Zwänge, die auf mir lasten, enorm sind, ich lebe in einem Land, das von mehreren Diktaturen beherrscht wird (politisch und religiös). Freiheit ist bei uns ein politisches Verbrechen und eine religiöse Häresie. Ich finde einen Ausgleich, indem ich Bücher schreibe, in denen meine Figuren so frei leben, wie ich es mir selbst gewünscht hätte. Ein schwacher Trost.