Schauspiel

Liebes Publikum,
 

„Was ist ein Menschenleben wert im Kapitalismus?“, fragt Tony Kushner in The Intelligent Homosexual’s Guide to Capitalism and Socialism with a Key to the Scriptures, abgekürzt auch iHo. In diesem großen amerikanischen Familienstück konfrontiert Gus, ein pensionierter Arbeiter und kommunistischer Gewerkschafter, seine erwachsenen Kinder mit dem Entschluss, sich umzubringen. Gus versteht die Welt nicht mehr und bittet seine Kinder, seinem Selbstmord zuzustimmen. Dass er damit auch deren Leben und unsere heutige Lebensweise in Frage stellt, ist die Pointe des Stücks. Kushners Radikalkritik an unserer dysfunktionalen Gesellschaft ist eine Provokation von großem, nicht nur intellektuellem, Unterhaltungswert. Auch Kleist schuf mit seinem Michael Kohlhaas einen radikalen Charakter, der es gleich mit der ganzen Welt aufnimmt und Wutbürgern, moralischen Revolutionären oder Terroristen zum Vorbild taugt.

Bei Shakespeare und Calderón wird die Welt zur Bühne und das Theater zum Spiegel der Welt. Im Sommernachtstraum kommt die Natur ins Wanken und versetzt die Menschen in einen beunruhigenden Zustand zwischen Traum und Wachheit. Was für Shakespeares Liebespaare nur eine kurze aber verwirrende Erfahrung, wird für Calderóns Sigismund zur existentiellen Gewissheit: Das ganze Leben ist ein Traum – ein flüchtiges, schnell vergängliches Glück. Als Unglück ohne Ende empfindet Henrik Ibsens Nora ihr Puppenhaus und die Ehe mit Rechtsanwalt Helmer. Die heutige Nora ist eine emanzipierte Frau, die das „Wunderbare“, im ultimativen Kick sucht: eine „Faschistin des Glücks“. Die „verteufelt humane Iphigenie“, wie Goethe sein Schauspiel nannte, interessiert nicht nur wegen seines utopischhumanistischen Gehalts, sondern auch als Zivilisationsdrama, in dem die Fundamente und Gefährdungen moderner Gesellschaften verhandelt werden. Das moderne Mannheim ist multikulturell und unser diesjähriges Stadtprojekt hat die Religion und den Islam im Besonderen zum Thema. Dabei soll anstelle eines kulturkämpferischen Umgangs, der unter Irrtümern und Vorurteilen leidet, ein vorurteilsfreier Blick auf Mannheims muslimische Welt gewagt werden.

Das zeitgenössische Autorentheater steht wie bisher im Zentrum unseres Spielplans und unserer Theaterarbeit. Diesmal stellen wir Ihnen neue angloamerikanische Stücke von Tony Kushner, Sharr White und Martin McDonagh vor. Aber auch Auftragsarbeiten von Sibylle Lewitscharoff, die in Vor dem Gericht, ihrem ersten Theaterstück, ein Ehepaar in ein Wirtshaus schickt, das sich als Vorzimmer zum großen Gericht entpuppt, und Dietmar Dath, der über einen Machtkampf im Mannheimer Institut für biologische Verhaltensforschung schreibt, der in der nahen Zukunft spielt und bei dem die Freiheit des Menschen auf dem Spiel steht. Weil wir alle beseelt sind von Utopien, setzen wir unsere Utopie Stationen fort und laden Sie auch ein, unseren neuen Hausautor Philipp Löhle mit seiner Veranstaltungsreihe Kommentare zur Wirklichkeit kennen zu lernen.

Liebe Theaterfreunde, bleiben Sie neugierig.
Zu unserer neuen Spielzeit heiße ich Sie ganz
herzlich willkommen.

 

Ihr Burkhard C. Kosminski

 

 

 

 

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